Juli 23, 2024

Viszerales Fett hat sein eigenes Mikrobiom – oder umgekehrt

Viszerales Fett kann sich auch in einem schlanken Körper verstecken

Wer schlank ist, verschwendet meist wenig Gedanken an seinen Fettstoffwechsel. Das kann sehr ungünstig sein, denn auch schlanke Menschen können ihre inneren Organe in unerhört viel viszerales Fett hüllen, ohne dass sich das durch sichtbare Speckröllchen bemerkbar macht.

Viszerales Fett ist sogar der größere Risikofaktor für verschiedene Zivilisationskrankheiten als das oft gejagte, aber eher harmlose, subkutane Fett. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass das unsichtbare Bauchfett mit einem veränderten Darm-Mikrobiom in Zusammenhang steht, mehr als der Taillenumfang oder BMI. Beherbergt man die falschen Darmbakterien, wird man innerlich dick.

Viszerales Fett verändert die klinischen Messwerte

In der vorliegenden Studie untersuchten Forschende den Zusammenhang zwischen viszeralem Fett und den Darmbakterien. Sie rekrutierten 41 normal gewichtige Probanden, von denen 18 verstärkt Bauchfett angesetzt hatten, also „dicke Dünne“ waren, und 23 Teilnehmer mit unauffälliger Verteilung des Körperfetts.

Manche klinischen Messwerte, wie BMI, Blutdruck, Langzeitblutzucker und HDL, unterschieden sich nicht zwischen den beiden Gruppen. Aber andere sehr wohl. Die dicken Dünnen, die viel viszerales Fett eingelagert hatten, hatten einen höheren Taillenumfang, Nüchternblutzucker, mehr Cholesterin, Triglyceride und LDL sowie Harnsäure, Leukozyten, Neutrophile und Lymphozyten im Blut. Ihre Risikofaktoren für die Entwicklung von Zivilisationskrankheiten und „stille“ Entzündungen waren also erhöht.

Auch die Darmbakterien unterscheiden sich

Die Forschenden wollten nun wissen, ob man für diese Unterschiede der metabolischen Parameter auch Spuren im Darm entdecken kann und untersuchten die Zusammensetzung der Darmbakterien der beiden Gruppen.

Auf den ersten Blick, dem Blick auf die Verteilung der verschiedenen Bakterienstämme, fand man keinen Unterschied. Aber das ist eine sehr grobe Ansicht der Gesellschaft. So, als würde man bei Untersuchungen im Wald feststellen: Es gibt Arthropoden (Krabbelviecher) und Mollusken (Weichtiere).

Guckt man viel genauer hin, nämlich auf Artenebene, dann finden sich deutliche Unterschiede im Mikrobiom der beiden Gruppen. Ganze 44 Bakterienarten unterschieden sich zahlenmäßig deutlich zwischen Probanden, die viel oder wenig viszerales Fett besaßen. Signifikant, also statistisch aussagekräftig, waren die Unterschiede bei 27 Arten, 9 davon waren bei den wirklich Dünnen vermehrt vorhanden, 18 bei den „dicken Dünnen“.

Und wie sieht das aus?

Wer wenig viszerales Fett trägt, hatte unter anderem vermehrt Veillonella dispar im Darm. Das ist ein Bakterium, das Propionat, eine kurzkettige Fettsäure, produziert und sich außerdem gerne im Mikrobiom von Sportlern aufhält. Und auch verschiedene Bacteroides – Arten traten gehäuft auf.

Während Bacteroides fragilis bei den fett gepolsterten Studienteilnehmern vermehrt vorkam. (Da sieht man mal wieder, dass sogar Angehörige derselben Gattung sich sehr unterschiedlich auf das Geschehen im Darm auswirken können.) Außerdem waren unter anderem noch Vertreter von Bifidobacterium, Milchsäurebakterien, Clostridien, Eubacterium, Dialister und Ruminococcus gnavus auffällig zahlreich.

Dreizehn der 18 Arten, die viszerales Fett begleiten, korrelieren vor allem mit der Menge an Bauchfett, gefolgt von Triglyceriden, Gesamtcholesterin und LDL. Das bedeutet, je mehr Fett, je mehr Triglyceride, desto mehr dieser Bakterien im Darm. Und diese Bakterien korrelierten auch positiv mit den Anzeichen von Stoffwechselstörungen und Entzündungen.

Auch das Metabolom verändert sich

Der Blick auf die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms genügt allerdings nicht, um irgendwelche Aussagen zu treffen, denn alle möglichen Stoffwechselvorgänge können von verschiedenen Bakterien erledigt werden. Im Grunde ist es egal, wer da am Werk ist, solange die Arbeit getan wird.

Deswegen richtet die Forschung ihren Blick häufig auch auf das Metabolom.

Das Metabolom bezeichnet die Gesamtheit aller Stoffwechselvorgänge in einem Gewebe, Zelle, Organismus oder System, wie eben dem Darm. Und hier fanden die Forschenden ganze 83 Stoffwechselwege, die sich unterschieden, je nachdem, ob viel oder wenig viszerales Fett vorhanden war. Die meisten davon waren bei viel viszeralem Fett hochgefahren. Sie betrafen den Kohlenhydrat-, Aminosäure- und Fettstoffwechsel, den Abbau von kurzkettigen Fettsäuren (nicht gut, SCFA sind wichtige bakterielle Metabolite im Darm) oder die Synthese von LPS. LPS, Lipopolysaccharide, sind Bestandteile der Zellwände bestimmter Bakterien und wirken im Blut als Giftstoff, wenn es ihnen gelingt, die Darmbarriere zu überwinden. Das wiederum ist umso leichter, je weniger SCFA im Darm vorhanden sind, denn sie dienen den Darmzellen zur Energieversorgung als genetischer Regulator und stärken damit die Darmbarriere.

Im Darm von Individuen, deren viszerales Fett nicht erhöht war, fanden die Forschenden nur drei Stoffwechselwege erhöht. Die dienten dem Abbau von Kohlenhydraten und Zuckerverbindungen sowie dem Elektronentransport. Elektronentransport ist ein Vorgang, den man zur Zellatmung benötigt. Er verspricht gegenüber simpler Fermentation eine viel höhere Energieausbeute.

Aber was viszerales Fett nun über den Stoffwechsel des Wirts?

In der Gruppe, die viel viszerales Fett hatte, korrelierten fast alle aktivierten Stoffwechselwege mit vielen Risikofaktoren für Zivilisationskrankheiten, negativ nur mit HDL, dem guten Cholesterin.

Wer wenig viszerales Fett speichert, aktivierte dagegen Stoffwechselwege, die negativ mit dem Nüchternblutzucker, Harnsäure und Triglyceriden im Blut sowie Entzündungsmarkern korrelieren. Dafür bestand eine positive Korrelation mit HDL.

Viszerales Fett ist stoffwechseltechnisch viel aktiver als normales, subkutanes Speicherfett. Es produziert mehr Adiponektine und Entzündungsfaktoren. Deswegen lohnt ein Versuch, gezielt viszerales Fett zu verbrennen, auf jeden Fall.

Quelle:

Yan, Hang et al. “Gut Microbiome Alterations in Patients With Visceral Obesity Based on Quantitative Computed Tomography.” Frontiers in cellular and infection microbiology vol. 11 823262. 20 Jan. 2022, doi:10.3389/fcimb.2021.823262

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