Februar 4, 2023

Christensenella für Hungerkünstler und Hochbetagte

Christensenalle findet man im Mikrobiom von Hochbetagten
Christensenalle findet man im Mikrobiom von Hochbetagten
Christensenalle findet man im Mikrobiom von Hochbetagten / Bild von Michal Jarmoluk auf Pixabay

Christensenella ist ein relativ neuer Stern am Himmel unseres Mikrobioms. Die Bakterien wurden erst im Jahr 2012 entdeckt und sind nun namensgebend für eine neue Familie von Bakterien, die Christensenalleceae und, wie eigentlich typisch für Darmbakterien, es werden ständig neue Arten entdeckt. Christensenellaceae sind mit Clostridien verwandt und gehören zum Stamm der Firmicutes.

Die erste war C. minuta, so benannt, weil sie so klein ist, sogar für Bakterien. Klein aber oho, denn man findet sie im Mikrobiom von Leuten, denen es ziemlich gut geht.

Und was machen die eigentlich?

C. minuta, der Typstamm, kann verschiedene Kohlenhydrate abbauen und vergärt Glucose zu kurzkettigen Fettsäuren, nämlich Acetat und Butyrat. Außerdem entstehen Nebenprodukte wie H2 und CO2. Interessanterweise kommen Christensenellen immer in Gesellschaft mit Methanogenen, wie Methanobrevibacter, vor. Die verbrauchen die entstehenden Gase und machen daraus Methan.

Christensenella steht für einen gesunden Stoffwechsel

Schlanke Menschen mit einem niedrigen BMI beherbergen deutlich mehr Christensenella als fettleibige mit einem BMI über 30. Außerdem hat man festgestellt, dass diese Bakterien sich vermehren, wenn man fastet oder auch im Rahmen einer „ganz normalen“ Diät abnimmt.

Je mehr Christensenella vorhanden sind, desto geringer ist der Anteil an viszeralem Fett, also dem Fett, das die inneren Organe einhüllt und das als besonders gesundheitsschädlich gilt. Auch die Blutfettwerte sind dann geringer, mit Ausnahme von HDL, dem „guten“ Cholesterin.

Christensenella macht schlank. Im Mausmodell hat sich gezeigt, dass vormals sterile Mäuse, denen man Christensenella in Form eines Probiotikums verabreichte, bei einer fettreichen Ernährung kein Gewicht zulegten, so als wäre das Fett gar nicht vorhanden. Die Mäuse konnten essen, soviel sie wollten. Es stellte sich heraus, dass Christensenella nicht das Essverhalten veränderte oder die Resorption der Fettsäuren im Darm, sondern den Stoffwechsel selbst.

Christensenella beeinflusst die Zusammensetzung des Mikrobioms. Bei fettreicher Ernährung nahmen die Bakterien aus der Familie von Bacteroides (bei den Mäusen) deutlich ab, während Streptococcen sich vermehrten. Aber wenn Christensenella auch da war, blieb dieser Shift in der Zusammensetzung des Mikrobioms aus.

Bei verschiedenen Krankheiten ist die Anzahl der Christensenellen im Darm deutlich reduziert. Da wäre zum Beispiel das metabolische Syndrom, also das Quartett aus zu viel Bauchfett, hohen Blutzucker- und Blutfett-Werten und Bluthochdruck. Auch bei entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, aber auch bei Reizdarm, fehlen Christensenellen.

Es hat sich auch herausgestellt, dass Christensenella deutlich entzündungshemmend wirkt. Sie hemmt die Freisetzung entzündungshemmender Interleukine und verhindert die Aktivierung eines Transkriptionsfaktors (das ist ein Protein, das die Genaktivität reguliert), der für entzündliche Prozesse im Körper verantwortlich ist.

Die Bakterien sind außerdem Butyratbildner und stärken die Darmbarriere.

Im Mikrobiom Hochbetagter findet man oft einen Überschuss an Christensenella. Hier kann man aber nicht sagen, ob die Bakterien schon immer anwesend waren und die Menschen deshalb ein so hohes Alter erreichten, oder ob sie sich im Lauf der Zeit anreichern und eben in um so höheren Zahlen vorliegen, je älter man ist.

Und was beeinflusst Christensenella?

Es sieht so aus, als wäre Christensenella an der Fermentation von Ballaststoffen und Proteinen beteiligt. Die Vergärung von Ballaststoffen ist nichts Besonderes für Darmbakterien, aber endlich findet sich mal jemand, der Eiweiß mag. Bei Allesfressenden (Menschen) findet man mehr dieser Bakterien als bei Vegetariern. Christensenella reagiert rasch auf den Gehalt an tierischen Produkten in der Nahrung und korreliert positiv mit den Abbauprodukten tierischen Eiweißes.

Eine Ernährung mit viel Zucker und wenig Ballaststoffen wirkt sich negativ auf die Bevölkerungsdichte aus. Viel Obst und Gemüse macht sich dagegen gut. Man vermutet, dass die positiven Effekte von Christensenella vermutlich zum Teil auf eine ballaststoff- und proteinreiche Ernährung zurückzuführen sind. Das steht da wirklich: „the association of Christensenellaceae with health parameters may in part be due to its association with a diet high in protein and fiber.“

Christensenella kaufen?

Vielleicht wird man Christensenella bald kaufen können. Bis es so weit ist, muss man sie selbst vermehren, um in den Genuss ihrer gesundheitlichen Vorteile zu kommen.

Wenn man Christensenella vermehren möchte, gelingt das mit präbiotischen Ballaststoffen wohl ziemlich gut: Resistente Stärkte Typ 4, Polydextrose und Galacto-Oligosaccharide.

Und schließlich, wie gesagt, vermehren sie sich beim Fasten und Abnehmen.

Die Populationsstärke hängt von genetischen Faktoren ab.

Christensenella ist in den Därmen der Tierwelt weit verbreitet und kommt nicht nur bei Säugetieren vor. Da sind alle Wirbeltiere dabei, und Käfer und Schaben. Im menschlichen Darm-Mikrobiom machen sie im Durchschnitt nur 0,01 % der Darmbakterien aus. Im weiblichen Geschlecht fühlen sie sich dabei wohler und sie bevorzugen auch bestimmte ethnische Gruppen.

Wie kaum eine andere Gruppe hängt ihre Bevölkerungsdichte von genetischen Faktoren ab. Das bedeutet nicht, dass man sie von seiner Mutter erbt. Aber manche Menschen tragen eine genetische Disposition für diese Bakterien. In ihrem Darm fühlt sich Christensenella einfach besonders wohl.

Quelle:

Waters, Jillian L, and Ruth E Ley. “The human gut bacteria Christensenellaceae are widespread, heritable, and associated with health.” BMC biology vol. 17,1 83. 28 Oct. 2019, doi:10.1186/s12915-019-0699-4

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